157 Tage: Warum Deine Stelle offen bleibt, obwohl der Markt sich entspannt

Offene Stellen bleiben im Schnitt 157 Tage unbesetzt, obwohl der Markt sich entspannt. Warum lange Vakanzen selten am Bewerbermarkt liegen, sondern am System.

Recruiting & FachkräfteAktualisiert am 22. August 2026

Die Zahl, die jahrelang durch jede Recruiting-Präsentation lief, stimmt so nicht mehr. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zählt für das erste Quartal 2026 rund 1,15 Millionen offene Stellen in Deutschland, etwa acht Prozent weniger als im Quartal davor und zwei Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Der Arbeitsmarkt hat sich entspannt, jedenfalls auf dem Papier.

157 Tage Vakanz: Reihe abgetragener Arbeitsjacken an Wandhaken in einem Werkstattflur, in der Mitte ein einzelner leerer Haken

Was sich nicht entspannt hat, ist die Zeit bis zur Besetzung. Die Bundesagentur für Arbeit weist in ihrem Monatsbericht vom Juni 2026 eine durchschnittliche abgeschlossene Vakanzzeit von 157 Tagen aus. Fast die Hälfte aller abgemeldeten Stellen war länger als drei Monate offen. Vor zehn Jahren lag dieser Wert rund 70 Tage niedriger.

Beide Zahlen zusammen ergeben eine unbequeme Aussage. Es gibt weniger Wettbewerb um dieselben Menschen und trotzdem dauert eine Besetzung länger als früher. Wer lange Vakanzen weiterhin allein mit dem Markt erklärt, verliert genau die Erklärung, die weiterhilft.

Was 157 Tage im Unternehmen wirklich kosten

Fünf Monate klingen nach einer Kennzahl. Im Betrieb sind es zwei Quartale, in denen jemand fehlt, dessen Arbeit trotzdem gemacht werden muss. Die Aufgaben verteilen sich auf ein Team, das ohnehin ausgelastet ist. Projekte rutschen. Führungskräfte kompensieren, statt zu steuern. Wer den Aufwand einmal in Umsatz oder Deckungsbeitrag pro Stelle umrechnet, kommt schnell auf Beträge, die den gesamten Recruiting-Etat eines Jahres übersteigen.

Die eigentliche Rechnung schreibt aber nicht die Buchhaltung. Sie schreibt das Team. Eine Rolle, die zwei Quartale unbesetzt bleibt, erzeugt Überlastung an genau der Stelle, an der die verbliebenen Leistungsträger sitzen. Aus einer offenen Stelle werden auf diesem Weg zwei.

Der Moment, in dem Aktivität an die Stelle von Analyse tritt

In vielen Unternehmen läuft der Ablauf gleich. Eine Schlüsselrolle wird frei, die Anzeige geht raus, nach sechs Wochen ohne brauchbare Bewerbung wächst der Druck. Dann wird das Budget erhöht. Ein weiterer Kanal kommt dazu. Eine Agentur wird beauftragt. Die Organisation reagiert schnell und sichtbar.

Was in dieser Phase selten passiert, ist die Frage, ob das Problem überhaupt draußen liegt. Reichweite ist der einzige Hebel, der sich ohne interne Diskussion einkaufen lässt, und deshalb wird er zuerst gezogen. Er wirkt allerdings nur dann, wenn tatsächlich zu wenige Menschen von der Stelle erfahren. In den meisten Fällen, die wir sehen, ist das nicht die Ursache.

Wo Vakanzen entstehen, bevor sie sichtbar werden

Bleibt eine Position über Monate offen, findet sich die Ursache meistens an vier Stellen, und alle vier liegen innerhalb des Unternehmens.

Das Anforderungsprofil ist eine Wunschliste statt einer Priorisierung. Zehn Anforderungen, alle als unverzichtbar markiert, ergeben ein Profil, das es am Markt nicht gibt. Ohne die Entscheidung, welche drei Punkte wirklich zählen, entsteht eine Suche ohne Ziel.

Die Entscheidungswege sind nicht getaktet. Zwischen Bewerbungseingang und Rückmeldung liegen zehn Tage, zwischen erstem und zweitem Gespräch drei Wochen, weil zwei Kalender nicht zusammenpassen. Wer gute Leute sucht, sucht sie im Wettbewerb mit Unternehmen, die schneller entscheiden.

Die Rolle ist wichtig, aber nicht priorisiert. Sie steht auf der Liste der Geschäftsführung, hat aber keinen festen Termin, kein Budget und keinen Verantwortlichen mit Mandat. Wichtig ohne dringend bedeutet in der Praxis, dass nichts passiert. Wo diese Kapazität dauerhaft fehlt, lässt sich die Verantwortung für einen befristeten Zeitraum abgeben, ohne gleich eine neue Stelle zu schaffen.

Die Arbeitgeberpositionierung ist austauschbar. Wenn die Stellenanzeige dieselben vier Vorteile nennt wie die Anzeige des Wettbewerbers zwei Straßen weiter, entscheidet am Ende das Gehalt. Eine belastbare Arbeitgebermarke mit Substanz verschiebt diese Entscheidung auf ein Feld, auf dem ein mittelständisches Unternehmen aus Mecklenburg-Vorpommern gewinnen kann. Der Aufwand lohnt doppelt, weil dieselbe Arbeitgebermarke, die auch Kunden überzeugt, nicht zweimal aufgebaut werden muss.

Das Ergebnis dieser vier Punkte ist kein Mangel an Bewerbungen. Es ist ein Mangel an Passung und Geschwindigkeit. Mehr Reichweite verstärkt dieses Muster sogar, weil sie die Zahl der Kontakte erhöht, nicht die Qualität der Entscheidung.

Der Denkfehler in der Zuständigkeit

Recruiting wird organisatorisch als HR-Prozess geführt und damit dorthin sortiert, wo Verwaltung stattfindet. Wirtschaftlich ist es eine Frage der Wertschöpfung. Jede unbesetzte Schlüsselrolle wirkt auf Umsatz, Umsetzungsgeschwindigkeit, Innovationskraft und Führungskapazität gleichzeitig.

Ein Unternehmen, das wachsen will, aber zentrale Funktionen nicht besetzen kann, hat keinen Personalengpass. Es hat einen strukturellen Engpass im Geschäftsmodell. Der lässt sich nicht mit Anzeigen lösen, sondern mit Klarheit darüber, welche Rolle welchen Engpass löst und was ihre Besetzung wert ist.

Woran Du merkst, dass Dein Recruiting steuerbar ist

Der Unterschied ist im Alltag gut erkennbar. Die Geschäftsführung kann benennen, welche Rolle welchen Engpass auflöst. Anforderungsprofile sind priorisiert statt überladen. Gesprächsrunden haben feste Termine, bevor die erste Bewerbung eintrifft. Und es ist bekannt, an welcher Stelle im Prozess wie viele Kandidaten abspringen und aus welchem Grund.

Recruiting verliert dann seinen Charakter als Dauerbaustelle. Es wird nicht perfekt, aber nachvollziehbar. Genau diese Punkte prüfen wir in einem systematischen Recruiting-Audit, bevor überhaupt über Kanäle oder Budgets gesprochen wird.

Der Kern

Fachkräftemangel ist ein Marktphänomen und in Pflege, Bau, Handwerk und mehreren technischen Berufen weiterhin real. Lang anhaltende Vakanzen sind häufig ein Systemphänomen. Wer nur Reichweite einkauft, finanziert sein strukturelles Problem mit. Wer Klarheit schafft, gewinnt Geschwindigkeit. Wir sind zwei Ansprechpartner aus Stralsund und sehen diesen Unterschied in jedem Projekt, das wir begleiten.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, wie schlecht der Markt gerade ist. Sie lautet, wie robust das eigene System ist. Denn selbst in einem angespannten Markt besetzen Unternehmen mit klarer Positionierung, verbindlichen Entscheidungswegen und messbarem Prozess ihre Stellen schneller. Nicht, weil sie mehr Glück haben, sondern weil sie klarer arbeiten.

Quellen

Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: IAB-Stellenerhebung für das erste Quartal 2026, 1,15 Millionen offene Stellen.

Statistik der Bundesagentur für Arbeit: Monatsbericht zum Arbeits- und Ausbildungsmarkt, Juni 2026, Seite 11: durchschnittliche abgeschlossene Vakanzzeit 157 Tage, 48 Prozent der abgemeldeten Stellen länger als drei Monate vakant.

Statistik der Bundesagentur für Arbeit: Fachkräfteengpassanalyse 2025, Nürnberg, Mai 2026: Engpässe vor allem in Pflege-, Medizin-, Bau- und Handwerksberufen.

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